Ein Fluss aus Scheiteln, Trenchcoats,
Anzügen und Aktenkoffern quillt aus dem
Untergrund. Wenn man morgens halb neun vor
dem Ausgang der Bank-Station am Themse-Ufer
stehen bleibt, wird man sofort als
Außenseiter identifiziert. Jeder hat es
eilig. Man wird mit einem verdrucksten
"Fuck" oder "God Damn" fortgeschoben oder -gestoßen.
Die Menschen wirken entschlossen, sich durch
nichts und niemanden vom Weg an den
Schreibtisch abbringen zu lassen, die Lippen
aufeinandergepresst, die Augen auf einen
imaginären Punkt geheftet. Wahrscheinlich
könnten Kate und Will, der Prinz und seine
Freundin, hier stehen und knutschen, die
Gesichter würden unbeweglich an ihnen
vorbeimarschieren.
Man trägt blau, grau, schwarz. Und
Nadelstreifen. "Daran erkennt man den
Londoner Banker in der ganzen Welt", sagt
Mark C. J. Stafford. Seine Firma Ede und
Ravenscroft hat die Roben der Könige und
Königinnen im 17. Jahrhundert geschneidert,
jetzt kleidet er in seinem Geschäft in der
Gracechurch Street den Geldadel ein. Er kann
an der Breite der Streifen erkennen, für
welche Bank ihr Träger arbeitet. "Alte
Privatbanken haben ihren eigenen Stil."
Darunter trägt der Banker Hemden in
Pastelltönen, rosa, orange, blau. Niemals
weiß, das ist zu amerikanisch. Frauen lassen
sich zwei Schlitze in ihre Jacketts nähen,
wie sie in Herrenjacken üblich sind. "Sonst
werden sie nicht ernst genommen in der
City", sagt der Schneider.
Die City. Welche andere Stadt als die City
of London könnte damit gemeint sein. Es ist
eine Stadt in der Stadt. Mit eigener Polizei
und Bürgermeister. Im 18. Jahrhundert liefen
auf dem Quadratkilometer zwischen Tower und
Temple Bar die Nervenstränge des Empires
zusammen. In den Palästen von Threadneedle
Street und Victoria Street ballte sich die
Macht, in der Square Mile wurden die Erlöse
aus den Kaffeeplantagen in Brasilien und den
Minen in Südafrika gezählt.
Inzwischen prägt die Skyline der "City" die
ganze Stadt. Die "City" wächst in alle
Himmelsrichtungen, selbst nach oben. Nicht
mal der Himmel ist das Limit.
Im Osten, am Canary Wharf, ragen die
glänzenden Bürotürme amerikanischer Banken
in die Höhe. Bislang wurden die
Wolkenkratzer nur als Bürogebäude genutzt,
abends flohen die Banker in die Vororte oder
die feinen Villenviertel Chelsea und
Knightsbridge. Am Wochenende ähnelte Canary
Wharf einem Geisterviertel. Ein neues
Projekt namens "Pan Peninsula" soll nun die
Halbinsel beleben: Das Architektenbüro
Skidmore, Owings and Merrill, das die Twin
Towers von Kuala Lumpur errichtet hat, baut
zwei neue Wolkenkratzer mit Luxuswohnungen
über fünfzig Etagen. Es sollen die höchsten
Gebäude Europas sein. Allein die Einrichtung
des Maklerbüros hat eine Million Pfund
gekostet, war in der Times zu lesen: Es ist
ein Boot, das auf der Themse schwimmt, von
hier aus kann man die im Bau befindlichen
Riesen von allen Seiten begutachten.
2009 sollen die ersten Bewohner einziehen,
wahrscheinlich Amerikaner, Japaner, Chinesen,
die daran gewöhnt sind, in die eigenen vier
Wände hoch hinaus zu fahren. Auch in der
traditionellen Square Mile wachsen immer
mehr Wolkenkratzer aus dem Boden. Erst kam
der Gherkin, das Gürkchen, wie die Londoner
liebevoll den Bau eines Schweizer
Versicherungsriesen nennen. Weitere
Hochhäuser wie das Willis Building sind im
Bau.

Morgens halb neun im "Wolseley". Unter
Marmorsäulen und riesigen Kronleuchtern
frühstücken Fondsmanager neben Film- und
Medienstars. Die Kellner sind diskret, der
Service makellos. Das Edelcafé, neben dem
feinen Ritz-Hotel gelegen, ist zum
inoffiziellen Morgentreffpunkt der Banker
geworden, die sich rund um den
Prachtboulevard Piccadilly angesiedelt haben.
"Frühstück ist der neue Lunch", sagt James
Rutter, Redakteur des Branchenblatts
Financial News.
Früher hätte ein Lunch in der City zwei,
drei Stunden gedauert. Mit Wein und Whisky.
Dafür ist heute keine Zeit mehr. Es geht
darum, die Energieaufnahme mit dem
Geschäftemachen möglichst effizient zu
verbinden. Bloß keine Zeit verlieren. Nichts
ist dafür besser als ein englisches
Frühstück, diese Eiweiß-und Kohlenhydrate-Bombe
aus Eiern, Würstchen, Blutwurst, Toast. Man
trinkt Kaffee. Einen verklärten Kopf können
sich die Banker nicht leisten.
In den vergangenen Jahren haben sich immer
mehr der neuartigen Hedge-Fonds-Gesellschaften
im Stadtteil St. James zwischen Piccadilly
Circus und Green Park angesiedelt - weg von
der Square Mile, weg vom Establishment, hin
zum alten Reichtum. Um die Ecke wohnt
Elisabeth, die Queen. Und auch Abramowitsch,
der Kaiser von Chelsea, dem Fußballklub.
Geld zieht immer wieder Geld an.
Hedge-Fonds-Manager sehen sich als
Finanzdienstleister neuen Schlages,
sozusagen die Actionstars der Branche, sie
setzen auf Risiko, spielen hoch und
riskieren viel.
Wie der Franzose Matthieu. Er hat als
Bedingung für das Treffen genannt, dass er
seinen vollen Namen nicht preisgibt. Wie bei
den meisten Kollegen enthält sein Vertrag
eine Schweigeklausel. Matthieu, Trader an
der Terminbörse, kam vor drei Jahren aus
Paris nach London. Er war damals 25. Er
bekam einen Anruf eines Headhunters, der ihn
zu einer amerikanischen Bank nach London
bringen wollte. Matthieu sagte zu - wegen
der niedrigen Steuern im Königreich. Bei
Mineralwasser und Caesar-Salat berichtet er
von seinem Arbeitstag.
Mit durchschnittlich zwölf Arbeitsstunden am
Tag gehört sein Job zu den ruhigeren. Er
kommt morgens um sieben ins Büro. Da kann er
noch zwei Stunden mit Asien telefonieren. Er
prüft die Computerbildschirme, die die
Kursentwicklungen wie Fieberkurven
nachzeichnen. Über den Tag muss er
blitzschnell Entscheidungen treffen. Drei
Stellen hinter dem Komma richtig berechnen.
Kaufen oder Verkaufen. Russisches Erdöl.
Kakao. Argentinien-Bonds. Klingt hektisch
und laut. Doch Matthieu sagt, er schreie nie.
Das sei ein Klischee aus Filmen wie "Wall
Street". Er hat eine dünne, fast
mädchenhafte Stimme. Er sagt, sein Job sei
kein Job. "Sondern Leidenschaft." Eine
Leidenschaft, die man messen kann: 100 000
Pfund habe er kürzlich verdient. An einem
Tag. Das ist fast dreimal soviel wie der
durchschnittliche Brite in einem Jahr
verdient. "Das war der schönste Tag in
meinem Leben."
Er lächelt zum ersten Mal.
Wenn man einmal soviel verdient hat, will
man mehr. Immer mehr. Schließlich gibt es
immer jemand anders, der noch besser ist als
man selbst. Matthieu erzählt von einem
gewissen Laurie Inman, er sagt, Inman sei
der Star der Szene. 25 Jahre alt. Verdiente
letztes Jahr 700 000 Dollar am Tag für seine
Firma. "So gut möchte ich auch sein", sagt
Matthieu.
Wohin die Gewinne fließen, sieht man in der
Bond Street, der einst verblassten
Einkaufsstraße. Die Modehäuser Prada und
Ralph Lauren haben jüngst neue
Flaggschiff-Läden eröffnet, ebenso die
Diamantenhändler Tiffany und DeBeers. Bond
Street setzt inzwischen mehr um als New
Yorks Fifth Avenue, schätzt Finanzjournalist
Rutter.
In den achtziger Jahren hatte es noch so
ausgesehen, als würde die Londoner City
hinter die New Yorker Wall Street
zurückfallen. Selbst Anfang der neunziger
Jahre fragte man sich noch beunruhigt, ob
Frankfurt mit der Europäischen Zentralbank
möglicherweise ein ernsthafter Konkurrent
sein könnte. Inzwischen lässt London in
vielen Geschäften New York hinter sich. Die
Börse profitiert vom Wachstum in Osteuropa,
Russland, China, Indien. Das sind alles
Länder, die zunehmend Unternehmen an die
Londoner Börse bringen und Geschäfte und
Reichtum an die Themse fließen lassen. Es
ist fast wieder wie zu Queen Victorias
Zeiten, als London die Hauptstadt der Welt
war.
Die Geburt des modernen Finanzplatzes London
kann man auf einen Oktobertag im Jahre 1986
zurückführen. Damals traten vereinfachte
Regeln für die Börse in Kraft. Sie
erleichterten neuen Unternehmen den Eintritt.
Der Handel auf dem Parkett wich dem
elektronischen Handel. Die altmodische
Wertpapieraufsicht machte einer modernen
effizienten Behörde, der Financial Services
Authority, Platz. Die Maßnahmen hatten so
einen großen Einfluss, dass die Banker heute
vom "Big Bang" sprechen, dem Urknall. Der
Big Bang öffnete den bislang verschlafenen
Handelsplatz.
"Die Offenheit, der freie Handel sind die
Schlüssel zu Londons Erfolg. Es gibt keinen
Protektionismus, keine Fremdenfeindlichkeit",
sagt John Stuttard. Sein offizieller Titel
lautet Lord Mayor, Herr Bürgermeister, aber
seine Aufgaben gehen weit über die eines
klassischen Bürgermeisters hinaus. Er ist
eine Art Botschafter für die Londoner City
in der ganzen Welt. Er sitzt im prächtigen
Mansion House, dem Stadtpalast mitten in der
Square Mile, mit Blick auf die Themse. Es
ist ein prachtvolles Haus, dessen Toilette
schon größer ist als die
Durchschnittswohnung des Londoners.
Es ist zehn Uhr, und der Herr Bürgermeister
hat schon den japanischen Staatsminister für
Finanzen empfangen. Gleich kommt ein
Diplomat aus Ghana. Mit dem wird Stuttard
über den Jahrestag zur Unabhängigkeit
sprechen. Dazwischen ist noch Zeit für ein
Interview.
Stuttard, 61, hat die Sehnsucht nach dem
Neuen, die Entdeckerlust, immer wieder nach
draußen getrieben. Aus der kargen
nordenglischen Industriestadt Burnley nach
Cambridge, als Student nach Brunei als
freiwillige Lehrkraft. Später baute er
britische Firmen in aller Welt auf. Zuletzt
war er fünf Jahre lang in China. Er genießt
seinen neuen Job sichtlich, auch wenn er
über "Schlafmangel" klagt.
Stuttard personifiziert quasi das, was
Londons City groß gemacht hat, die Offenheit,
die ständige Lust, sich neu zu erfinden.
Woher das kommt? "Das hat historische und
kulturelle Gründe. Seit Jahrhunderten
drängen die Briten von ihrer kleinen Insel
in der Nordsee in die Welt. Wir haben von
Anfang an verstanden, dass wir nur durch
freien Handel überleben." Vorschriften,
Regulierung, das sind Worte, die der
Engländer generell nicht mag.
Die Marktöffnung geht so weit, dass
inzwischen die Londoner Stock Exchange (LSE)
selbst ein Übernahmeobjekt geworden ist. 2,7
Milliarden Pfund hat der amerikanische
Börsenbetreiber Nasdaq geboten. Die London
Stock Exchange wehrt sich noch, aber Nasdaq
hat seinen Anteil bereits auf knapp ein
Drittel erhöht. Wenn die amerikanische Börse
durchkommt, würde eine der ältesten
Institutionen Großbritanniens amerikanisch.
Es wäre Globalisierung total. Es ist nichts,
wovor die Briten so sehr Angst haben, dass
sie plötzlich Barrieren um ihre kleine Insel
errichten würde.
Die City zieht immerhin die Wirtschaft
insgesamt mit. Die Finanzindustrie allein in
der Square Mile trägt rund 2,5 Prozent zur
inländischen Wirtschaftskraft bei. London
insgesamt generiert fast ein Fünftel der
Wertschöpfung. Die City ist der größte und
wichtigste Arbeitgeber in der britischen
Hauptstadt.
Durch den Übernahmeboom im vergangenen Jahr
kassierten die Manager so große
Bonuszahlungen wie noch nie. Im vergangenen
Jahr sollen dreitausend Managern jeweils 1,5
Millionen Euro ausgezahlt worden sein.
Zusätzlich zu den Gehältern. Einzelne
Manager bekommen bis zu 100 Millionen Euro
überwiesen. Das sind Summen, die vor zwanzig
Jahren nicht mal Bankdirektoren erhalten
haben. Die Gelder sind oft Fesseln. Der
Wettbewerb um die Besten in der City ist
hart. Wer seinen Star halten will, muss ihn
gut bezahlen.
Wie sehr der neue Geldadel der City das Land
verändert, zeigt die Rich List der Sunday
Times, die die Zeitung jährlich
zusammenstellt: Inzwischen stellen Banker
und Finanzmanager ein Drittel der Reichen.
Ihre Namen sind oft nur Insidern bekannt.
Wie zum Beispiel Michael Sherwood, er hat
sich mit einem durchschnittlichen Abschluss
der unauffälligen Uni Manchester zum
Europachef von Goldman Sachs hochgearbeitet
und ist einer der einflussreichsten Männer
der Londoner City. Er ist 39 Jahre alt und
geschätzte 170 Millionen Pfund schwer.
Männer wie Sherwood sind inzwischen fast zu
einer Ausnahme in London geworden. Die City
wird immer mehr von Nicht-Engländern
dominiert. 40 Prozent aller Mitarbeiter
kommen aus dem Ausland. Der Ehrgeiz, besser
zu sein als der nächste, das ist der
Treibstoff der City. "Deshalb zieht London
die besten und ehrgeizigsten Köpfe aus aller
Welt an", sagt Lord Mayor Stuttard. Die
City, Stadt der Gewinner.
Das Leben in der City ist wie eine ewige
Schleife dieses alten Werbespots, mein Haus,
mein Auto, mein Boot. "Die Banker sind ganz
normale Durchschnittsbürger", sagt Finanz-New-Mann
Rutter. "Wenn sie zu Geld kommen,
investieren sie in Immobilien und Autos, wie
jeder andere auch." Nur dass die Immobilie
kein Häuschen am Stadtrand ist, sondern eine
komplett modernisierte georgianische Villa
am feinen Eaton Square, mit eingebautem
Swimmingpool, Kinosaal und ausreichend
Garagen. Dort wohnt auch Madonna. Und Mrs.
Thatcher. In der Garage sollte mindestens
ein Porsche Boxster stehen, Pflichteinkauf
beim Erhalt des ersten Bonus. Vielleicht
noch ein Aston Martin oder das Bentleys
Coupé, der neueste Hit unter den Bankern.
Man mag global verdienen, aber gekauft wird
britisch.
"Man will den andern immer übertrumpfen",
sagt James Rutter. "Beim Verdienen wie beim
Ausgeben." Doch was kaufen diejenigen, die
schon alles haben; die daran gewöhnt sind,
für eine Flasche Champagner tausend Pfund
auszugeben? Es ist ein Problem, behauptet
Rutter. Ein Problem, auf das sein Verlag
eine Antwort gefunden hat. Ein Magazin
namens "Brummell" wie Beau Brummell, der
berühmte Urtyp des britischen Gentleman, das
sich an den Banker wendet, der schon alles
hat. In "Brummell" liest man von
Abenteuerreisen im Kanu den Amazonas hoch
(10 000 Pfund für fünf Tage), von Perlen für
die Liebste (14 000 Pfund), von
maßgeschneiderten Schuhen von Berluti aus
Paris, wie sie schon Frank Sinatra trug (12
000 Pfund) und von dem schnellsten Bugatti
der Welt (1 000 000 Pfund).
Journalist Rutter erzählt von einem
Bekannten, der neun Ferraris in der Garage
stehen hatte. Sie hatten Kennzeichen mit
seinen Initialen von Eins bis Neun. Dann
wollte er den zehnten Ferrari kaufen, die
perfekte Ergänzung für seine Sammlung. Doch
"JD10" war als Kennzeichen nicht mehr zu
haben. Der Banker sei am Boden zerstört
gewesen angesichts derartigen Unglücks.
Matthieu, den Franzosen, könnte man demnach
fast als knauserig beschreiben. Er hat sich
von seinem ersten Bonus nur einen
bescheidenen BMW gekauft, und er lebt zur
Miete. Er sagt, er findet es ungerecht, dass
die Banker in der City so beneidet werden.
Es gibt keinen Kündigungsschutz, keine
Sicherheit, keinen Betriebsrat. Fehler
werden sofort bestraft: "Wenn ich morgen
einen schlechten Deal mache, fliege ich raus."
Den Druck hält man nicht ewig aus.
Die meisten Banker sind mit 40 reif für die
Rente. Matthieu hofft, dass er bis 35 genug
verdient hat. Genug, schätzt er, das sind
zwanzig, dreißig Millionen. Er sagt die
Zahlen, als bedeuteten sie nichts.
Polly Courtney sitzt in einem Londoner Hotel
und zupft den Minirock zurecht. Sie ist zum
Interview gekommen, als wolle sie in einen
Nachtklub. Mit Minirock und hohen Stiefeln.
Wallendes braunes Haar. Alles an ihr wirkt
selbstbewusst, energisch, effizient. Sie ist
eine der wenigen, die etwas Schlechtes über
die City sagen. Wer sich normalerweise zu
beschweren hat, zumal als Frau, der klagt
gleich.
Polly Courtney, 26 Jahre alt, hat einen
klassischen Weg zur Verarbeitung ihrer
Erfahrungen gewählt, sie hat ein Buch über
die City geschrieben. Es geht um eine
begabte junge Frau Anfang 20 namens Abigail,
die direkt von der Uni von einer
renommierten amerikanischen Investmentfirma
angeworben wird. Sie hätte ihren Traumjob
gefunden, dachte sie. In Wahrheit hat sie
sich in Handschellen legen lassen, in
goldene Handschellen. Genauso hat Polly
Courtney auch ihr Buch genannt. Es soll ein
Roman sein, aber es wird klar, dass Polly
Abigail ist und die Bank ihr ehemaliger
Arbeitgeber. Polly Courtney beschreibt die
City als altmodische Institution, ein
bisschen Armeekaserne, ein bisschen
Herrenklub.
Sie sagt, sie sei erschrocken gewesen,
welche simplen Aufgaben man ihr, der
Ingenieurin mit dem Diplom der renommierten
Cambridge Universität, übertragen hätte:
Zahlenkolonnen erstellen, Rechtschreibung
checken. "Selbst ein Affe könnte das
erledigen." Sie fühlte sich unterfordert und
gleichzeitig überfordert. Wenn sie etwas in
Meetings sagte, hörten alle weg. Trotz 75
000 Euro Einstiegsgehalt befand sie: "Es ist
eine fiese Welt. Die City verändert die
Persönlichkeit." Sie erinnert sich an den
Banker, der seinen Bonus von 100 000 Pfund
verächtlich eine Wohltätigkeitsspende nannte.
Oder an den Krebspatienten, der nach einer
Chemotherapie gleich wieder ins Büro kam.
Sie klagt über die langen Arbeitszeiten. 80
Stunden pro Woche waren die Norm. Wer bis
elf Uhr nachts blieb, durfte auf
Firmenkosten mit dem Taxi nach Hause fahren.
Also blieben alle bis elf. Wer über Nacht
blieb, bekam ein kostenloses sauberes Hemd.
Ihre Beziehungen zerbrachen, weil sie nie
Zeit hatte. Sie erinnert sich, wie sie oft
nachts zu Hause telefonisch geweckt wurde,
um in die Firma zu kommen.
Nach einem Jahr gab sie auf und kündigte.
Heute arbeitet Polly Courtney als
freiberufliche Beraterin. Sie verdient
weniger. "Aber ich bin glücklich", sagt sie.